In der Gefahrenzone: Neuaufbau für das Ahrtal statt Wiederaufbau

Der Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal jährt sich heute und zu Recht erhält sie ein breites Medienecho, denn die Flut ist eine der größten Katastrophen der Nachkriegszeit in Deutschland. Der Leidensdruck vor Ort ist groß, die Trauer um menschliche Verluste ist überall spürbar, die Verzweiflung nach Sachverlusten immer noch unermesslich. Darum ist heute ein Gedenken wichtig. Und der Dank. Denn immer noch helfen viele Menschen, Institutionen und auch die Politik. Der Neuaufbau wird lange dauern. Stellen wir uns auf eine lange Zeit ein, die wir brauchen, um die Klimaanpassung im Ahrtal zu gestalten. Die riesige Dimension von Anpassungsnotwendigkeiten wird jetzt deutlich.

Die Debatte um die Verantwortung der Katastrophe ist noch nicht beendet. Wir sollten uns bewusst sein, dass jeder hier eine eigene Verantwortung trägt. Auch die kommunalpolitischen Entscheider vor Ort im Ahrtal, weshalb gerade vor Ort auch die große Verantwortung für die Zukunft liegt. Diese ist nicht einfach nach Mainz oder Berlin abzuschieben. Im Gegenteil, die kritischen Stimmen, welche auf die natürlichen Gesetze und Grenzen, den Naturschutz und die fachliche Hochwasserexpertise hinweisen, müssen nicht nur gehört werden. Ihre Hinweise müssen Eingang finden in lokale Beschlüsse, wie z. B. zur Bebauung.

So. u. a. Prof. Wolfgang Büch‘s Expertisen zu historischen Hochwassern oder die Warnungen von Grünen Kommunalpolitiker*innen. Beides drang erst jüngst wieder in das öffentliche Bewusstsein. Denn die Zerstörungskraft des Hochwassers von 2021 hatte ja eine völlig neue Dimension erreicht durch die Häuser, Gebäude, Brücken, welche dem Wasser im Weg standen. Anders ausgedrückt: Die Flächenversiegelung und das Zubauen des Ahrtals ist die Ursache für die Zerstörungen, unser menschlicher Drang der Ausdehnung, unser Flächenfraß ist mit Ursache für die Zerstörungskraft.

Aber leider wird an den alten Strategien vor Ort festgehalten. Dies zeigen gute Dokumentationen, z. B. die Flächengewinnung für Bebauung nach der Flut durch zu baggern eines Hochwasserretentionsraumes, zu sehen in „Die Story: Der Wiederaufbau im Ahrtal“ vom WDR.

Ich kenne die im Film gezeigten Flächen. Hier gibt es für die Genehmigungsbehörden und Wasserbehörden viel Arbeit. Die Bodenbewirtschaftung braucht einen eigenen Blick. Ich wünsche mir, dass alle Behörden diesem Phänomen eine große Aufmerksamkeit schenken, denn das Wasser braucht Platz.

Ich empfehle neben dem WDR Beitrag gerne noch zwei weitere Beiträge:

Odysso Wissen im SWR: Ein Jahr danach. Welche Lehren ziehen wir aus der Ahrflut?

Focus: Flutreporter: Naturschützer sehen schwerwiegende Fehler beim Ahrtal-Aufbau

Der Präsident der Genehmigungsdirektion SGD Nord, Wolfgang Treis, sagt klar zum Trittbrettfahren der Flächenversiegelung unter der Notstandregelung im WDR-Interview: „Wir haben nicht alles genehmigt, was vor Ort passiert. Aber es heißt nicht, dass alles schlecht ist, was gemacht wurde.“ Er hat ja Recht, aber es kann nicht sein, dass die Ahr im „Wiederaufbau“ überall eingezwängt wird und beim nächsten Hochwasser wieder ihre volle zerstörerische Kraft entfaltet. Und der Staatssekretär im Rheinland-Pfälzischen Umweltministerium Erwin Manz sagt im gleichen Beitrag, dass die Einwendungen der Wasserbehörden bei Bebauungsplänen nicht gehört wurden. In anderen Worten, das Recht der Landesbehörden ist so schwach, dass sich die kommunale Politik dickfellig über berechtigte Einwendungen hinwegsetzt.

Darum gibt es hier Regelungsbedarf. Immerhin: Ministerin Katrin Eder hat mir in einem Brief zugesichert, die Empfehlungen zum Management von Hochwasserabfällen nach der Flut, die sich aus unserem Bericht zur Bewältigung der Hochwasserabfälle nach der Flut ergeben haben, auf Ihre politische Agenda zu setzen. Wir haben den Bericht an alle Fraktionen im Landtag geschickt und sind gespannt, wie mit einer Umsetzung der Empfehlungen umgegangen werden wird.

Das werden wir weiter im Blick behalten. Denn wir sind ja vor Ort und erleben die Fortschritte oder Rückschritte im Ahrtal hautnah mit.

Hinweisen wollen wir noch auf zwei Vorträge, die bei der Infrastruktur-Akademie anlässlich der 4. Starkregen Werkstatt Anfang Juli 2022 gehalten wurden. Hier wird ein regionales und überregionales Netzwerk von Infrastruktur- und Tiefbauexperten aufgebaut, die sich bereits im vierten Jahr mit dem Thema Starkregen beschäftigen. In diesem Jahr, aus gegebenem Anlass, mit dem Schwerpunkt Flutkatastrophe, von der sie selbst betroffen waren:

Vortrag „Die Flutkatastrohe 2021, Lehren daraus für die Praxis“, Prof. Dr.-Ing. Lothar Kirschbauer, Hochschule Koblenz, FB bauen-kunst-werkstoffe, Siedlungswasserwirtschaft – Wasserbau  

Vortrag „Erfahrungen aus der Flutkatastrophe im Ahrtal für die Abfallwirtschaft“ von Stephan Müllers, Abteilungsleitung Technik Abfallwirtschaftsbetrieb Landkreis Ahrweiler

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