Zerissener Verpackungskarton

Eine Perspektive für die Papierindustrie – Thinking Circular

Eine leckere warme Pizza, gerade im Internet beim Pizzabäcker und die Ecke bestellt und innerhalb von 30 Minuten ins Büro geliefert. Die Ware, in einem ökologisch anmutenden Recycling-Pappkarton geliefert, mindert unser schlechtes Gewissen in Puncto CO2-Fussabdruck. Das Wasser läuft im Mund zusammen, bis wir uns die Frage stellen, woher der Karton eigentlich kommt und ob die Pizza nicht die Schwermetalle aus dem Karton wie ein Schwamm aufsaugt. Statt Pizza-Salami nun Pizza-Schwermetall?

Prof. Dr. Braungart, Chemiker und Urvater der Chemieabteilung von Greenpeace, rüttelt mit schonungsloser Offenheit seine Zuhörer auf internationalen Podien wach, wenn er das Bild der Pizza-Schwermetall aufruft. Seinen Untersuchungen zu Folge, kommt es zu Ausgasungen von Lebensmittelverpackung aus recyclierter Zellulose und grafischen Drucken, welche durch das Kondenswasser im Karton und die Saugfähigkeit des Pizzabodens noch begünstigt werden. Folgende Darstellung verdeutlicht dies.

 

Darstellung zur Verdeutlichung des darüberstehenden Textes

 

Das Problem ist der Verpackungsindustrie bekannt, und sie hält sogar Lösungen parat, um Sicherheit vor gasförmigen Mineralöbestandteilen aus altpapierhaltigen Verpackungsmaterialien zu bieten, z. B. durch Barrierepapiere. Das Problem für weitere Vermischungen des Altpapiers ist damit jedoch nicht gelöst. Auch der BDE (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V.) kennt die Schwierigkeit aus der Perspektive der Recycler. Seit 2013 kam es in der Praxis immer wieder zu unterschiedlichen Einschätzungen der tatsächlich gehandelten Qualität der Recyclingpapiere. Der BDE beauftragte eine Studie beim Institut für Wasser und Ressourcen-Umwelt (IWARU) in Münster, die aufzeigt, wie Feuchte und Störstoffgehalte von Altpapier verlässlich bestimmt werden können. Auch kleine Recyclingbetriebe könnten heute mit einfachen reproduzierbareren Mess- und Prüfverfahren die Qualität ihrer Ware bestimmen und mit ihren Abnehmern verbindliche Qualitätsbewertungsverfahren einführen. Damit könnten sie dann auch der seit dem Jahr 2000 einheitlich geltenden Standards für Altpapier (EN 643) nachkommen. Die Europäische Normungsbehörde CEN arbeitet an weiteren Konkretisierungen von Standards. Welche Situation ergibt sich dadurch für den gesamten Prozess?

Eine Studie des Verbandes Deutscher Papierfabriken e. V. zeigte schon 2011 auf, dass 4,6 Mio. Tonnen Rückstände aus Recyclingprozessen von Papier anfallen. Mit einer steigenden Altpapiereinsatzquote steigt auch absolut der spezifische Anteil an Rückständen aus dem Altpapier an der Gesamtrückstandsmenge. Dieser liegt derzeit bei 12 %. Das Deinking, also das Ausschleusen von grafischen Druckerzeugnissen, die sogar zu nachhaltigen Anlageschäden führen können, läuft. Die Papiertechnische Stiftung hat ermittelt, dass das Verhältnis der grafischen Altpapiere zu Verpackungsaltpapieren in der Handelssammelware sinkt. Derzeit kommen auf eine Tonne frische grafische Papiere zwei Tonnen Verpackungspapiere. Auskömmliche Ausbeuten an hochwertiger Deinkingware werden zunehmend schwieriger. Deshalb wird bei der Sortierung grafischer Papiere an verfeinerter Sortiertechnik zur Identifikation von spezifischen Druckverfahren gearbeitet. Mit steigender Sortierintensität muss jedoch auch damit gerechnet werden, dass die erzeugte Altpapierqualität bezogen auf die Störstoffgehalte steigt. Und das auch, wenn zunehmend Barrierepapiere in den Stoffstrom kommen, die aus frischen Fasern bestehen. Dabei erhöhen sich die Sortierkosten überproportional. Hier stellt sich nun die Frage zukünftiger Marktmodelle oder Wettbewerbskonstellationen im Stoffstrom des Altpapiers.

Absehbar ist, dass die Papierproduktion sich in Richtung Osteuropa ausweiten wird. Dies resultiert aus dem großen Absatzmarkt für deutsche, polnische und österreichische Papierhersteller in Tschechien und einer Handelsdrehscheibe in Polen. Auch dies macht strategische Entscheidungen für die deutsche Papierindustrie nicht leichter. Daneben wird ein Rückgang von Papiererzeugnissen durch die zunehmende Nutzung digitaler Medien um 5 % bis 2020 den Druck erhöhen, auch wenn Verpackungs-, Spezial- und Hygienepapiere dies derzeit noch auffangen. Die Gesamtproduktion ist mit rund 23 Mio. Tonnen Papier in den letzten Jahren konstant geblieben.

Welche Perspektive kann das bisherige Erfolgsmodell des Papierrecyclings der deutschen Abfallwirtschaft zusammen mit der Papierindustrie für sich entdecken? Kommen wir zurück zur Pizza, dann findet sich auch schon die Lösung: Stellen wir uns vor, wir wären in der Lage essbares Papier herzustellen, dann wäre der Genuss aus dem Karton ohne schlechtes Gewissen möglich, aber auch die Klärindustrie, welche alle menschlichen Ausscheidungen mit entsprechenden Hygienepapieren reinigen soll, einen Schritt nach vorne gekommen. Tatsächlich ist essbares Papier nicht nur möglich, sondern es wird längst hergestellt. Die Vision ist real. Das Cradle-to-Cradle zertifizierte Papier findet vor allem in den Niederlanden seinen Absatz. Dort mischt es bereits den Papiermarkt auf. Voraussetzung für eine Separierung dieser Papierart wären Kennzeichnungen, welche die unterschiedlichen Nutzungen von Recyclingwaren differenzieren. Ansonsten passiert das, was heute mit den Barrierepapieren geschieht – sie vermischen sich mit sonstiger Recyclingware und grafischen Papieren. Wer das vermeiden will, sollte den Grundsatz getrennter Materialströme gemäß Cradle-to-Cradle-Design berücksichtigen. Dieser sagt, dass Produkte, die mit Mensch- und Natur in Kontakt kommen, wie die Pizzaschachtel, Verpackungsmaterial für Lebensmittel oder das Toilettenpapier, in einem separaten Kreislauf geführt werden, damit die Reinheit gewahrt bleibt und somit Mensch und Natur nicht zu Schaden kommen. Bei Nutzung dieser Zellulosearten könnte sogar auf wasserabweisende Schichten durch Kunststoff zur Verwendung als Verpackungsmaterial verzichtet werden. Bei der Umstellung auf Cradle-to-Cradle-Druckfarbe, könnte auch das Deinking-Problem technisch gelöst werden. An der Technik mangelt es ohnehin nicht. Was fehlt, sind Regeln zur Kennzeichnung. Und hier ist die Politik gefordert:

Zuvorderst steht die Überprüfung bestehender Papierqualitäten an. Im Zeitalter von Barcodes und RFID-Technik wäre dann auch eine einheitliche technische Kennzeichnung möglich. Und sofern die reyclierte Papierqualität einem einheitlichen Monitoring unterliegt, braucht keiner Sorge vor einer Schwermetall-Pizza zu haben. So könnte mit der Digitalisierung das Papier zwar nicht digital werden– aber es bliebe im Sinne der Industrie 4.0 zeitgemäß.

1 Kommentar
  • Katja Hansen
    Veröffentlicht 13:16h, 25 Mai Antworten

    Vielen Dank fuer den anschaulichen Bericht. In der Healthy Printing Initiative (www.healthyprinting.eu) werden solche Fragestellungen bearbeitet und gemeinsam mit Herstellern und Anwendern Loesungen entwickelt. Alle, die daran interessiert sind, gesunde Papier- und Verpackungsprodukte herzustellen bzw. einzusetzen, sind herzlich eingeladen mitzumachen!

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