Wie ein Wal ohne Orientierung

Was wir aus der Naturwissenschaft lernen, ist, dass Blauwale durch Schiffslärm, sterbende Riffs, steigende Temperaturen, durch den Klimawandel oder weil sie Plastikmüll verschlucken, desorientiert werden. Genau wie die Wale ist auch unsere materielle Welt desorientiert. Nutzen wir die Metapher:

Noch entziehen wir diesem Planeten jedes Jahr 100 Milliarden Tonnen Material. Das entspräche mehr als 666 Millionen Blauwalen. Immer noch eine zu große Zahl, um sie sich vorstellen zu können.

Nur 9 % des gesamten Materials bewegt sich in Zyklen. Stellen Sie sich also vor, die ca. 10.000 Blauwale, die es noch gibt, schwimmen orientierungslos im Ozean und nur 900 von ihnen haben eine klare Route. Das ist ein ziemliches Chaos.

Aus diesem Grund fordern immer mehr Menschen einen „Zwischenstaatlichen Ausschuss für Ressourcen“, um mehr darüber zu erfahren, wohin die Materialien gehen. Auch hier wiederholt sich das Wachstum des Interesses. Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der Forschungsarbeiten zu Themen der Circular Economy von 300 auf 3.000 gestiegen. Und auch Kreislaufkonzepte sind im Kommen.

Im Jahr 2020 wurde durch das CRESTING-Projekt eine interaktive Zeitleiste der Circularity-Denkschule eingeführt. CRESTING ist ein von der EU gefördertes Forschungs- und Innovationsprojekt. Es zeigt, dass die Publikationen kaskadenartig nach oben gehen, recht deutlich:

Source: Cresting Circular Economy

Als erstes und einziges Forschungsprojekt, dem es gelungen ist, die Entwicklung der 70 aktuellen Zirkularitätskonzepte in einem Schaubild darzustellen, bietet es einen spektakulären Überblick. Und nicht nur, dass das Forschungsteam die Herausforderung angenommen hat, einen roten Faden für all die verschiedenen Konzepte zu schaffen, es hat auch die verschiedenen Entwicklungsperioden von der Präambel bis zur Gültigkeitsherausforderung herausgearbeitet. Da es sich um eine interaktive Zeitleiste handelt, kann man hinein- und herauszoomen und durch Anklicken der einzelnen Konzepte mehr Informationen über diese erhalten.

Hier eine herzliche Empfehlung von uns für alle, die sich für die Geschichte der Circular Economy interessieren.

Wenn man sich die Zeitleiste genauer ansieht, scheint es, dass viele Konzepte von asiatischen Ideen beeinflusst sind, was nur unterstreicht, dass die Circular Economy ein Thema von globalem Interesse und Bedeutung ist.

Wenn man durch die verschiedenen Konzepte blättert, stellt sich die Frage, wie vollständig das Bild ist? Wir haben eine Menge ökonomischer Theorien und allgemeiner Philosophien über das gute, nachhaltige Leben. Auch das Thema der Circular Society fehlt nicht. Was fehlt, ist ein Gegenentwurf zum Homo Oeconomicus, dem Denkmodell für eine lineare Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn wir nach einer Transformation von take-make-dispose forschen wollen, müssen wir dann nicht auch das Individuum berücksichtigen? Können wir das wirklich ausschließen? Das mentale Modell einer Circular Economy und Society wird zentral sein.

Und natürlich gibt es bereits mentale Modelle, die da draußen beschrieben werden. Unsere Beschreibung des Homo Circularis ist nur Eines. Die Theorie des Homo Oecologicus sei als Beispiel genannt. Die Theorie des Homo Sustinens ist ein weiteres. (Wollen Sie mehr wissen? Hier finden Sie den Artikel über die Entwicklung von mentalen Modellen).

Nichtsdestotrotz wird bei der Betrachtung der Zeitleiste deutlich, dass das Forschungsprojekt ein Geschenk für die zukünftige zirkuläre Entwicklung gewesen ist, das alle losen Enden zusammenbindet.

Für das CRESTING-Team endete die Forschung nicht an der Timeline. Sie haben noch einige weitere Artikel veröffentlicht, die interessante Zusammenhänge im grünen Dschungel aufdecken.

Eine davon ist eng mit der Zeitachse verbunden und zielt darauf ab, durch die verschiedenen Visionen einer Circular Economy zu navigieren. Sie ist lesenswert und kann hier heruntergeladen werden: Eine Typologie von Kreislaufwirtschaftsdiskursen: Navigieren durch die verschiedenen Visionen eines umstrittenen Paradigmas – ScienceDirect

Ein anderer Beitrag beschäftigt sich mit der politischen Realität. Dabei schließt er Forschungslücken über den aktuellen Diskurs zur Circular Economy durch die Analyse von Worten und Taten. Und obwohl die EU-Politiker bereits einiges erreicht haben, zeigt die Analyse: Es gibt noch Raum für Verbesserungen. Und diese Verbesserungen sind zentral, um die Visionen der Circular Economy zu erreichen. Aus einer Postwachstums- Perspektive schlägt das Papier 32 alternative wissenschaftsbasierte Maßnahmen vor, um die EU Richtlinien zur Circular Economy zu verbessern. Es ist sehr gut strukturiert und erklärt klar die Notwendigkeiten auf diesem Gebiet. Daher wird es den kritischen Gemeinschaften und Think Tanks helfen, den Schwerpunkt auf fehlende Elemente zu legen, um die Europäische Kommission weiter in die richtige Richtung zu drängen. Fehlende Elemente, die unterstützt werden sollten, sind in einer langen Liste zusammengestellt, die hier nicht fehlen soll:

  1. Legen Sie Grenzwerte für die Raten der vollständigen Energierückgewinnung und/oder strengere Beschränkungen für die Verbrennung von recycelbaren, wiederverwendbaren oder kompostierbaren Abfällen fest.
  2. Starke Einschränkung oder Verbot des Exports von Abfällen außerhalb der EU.
  3. Verbot der Vernichtung von unverkauften Warenbeständen.
  4. Führen Sie einen verpflichtenden Produktpass mit Informationen zu allen Materialien und Komponenten ein, um die Produkt- und Materialrückgewinnung zu erleichtern.
  5. Alle erweitern die Ökodesign-Vorschriften auf schnelllebige Unterhaltungselektronik wie Handys, Tablets und Computer.
  6. Förderung von Open-Source-Innovationen (z. B. durch die Vorgabe, dass alle Hardware und Software von abgekündigten Produkten Open Source wird).
  7. Verbessern Sie die Ökodesign-Vorschriften, um sicherzustellen, dass Reparaturhandbücher vollständig frei und Open-Source sind.
  8. Richten Sie Zuschüsse für Reparaturdienste ein, um einkommensschwachen Gruppen zu helfen.
  9. EU-weite Online-Plattformen für den Handel mit Sekundärmaterialien und -produkten einrichten.
  10. Reduzieren Sie die Mehrwertsteuer für wiederverwendete, wiederaufbereitete, überholte und reparierte Waren und Reparaturdienstleistungen.
  11. Ressourcen (insbesondere Rohstoffe) statt Arbeit besteuern.
  12. Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe.
  13. Legen Sie verbindliche Ziele und Anforderungen für eine kreislauforientierte und umweltfreundliche öffentliche Beschaffung fest.
  1. Legen Sie Ziele für den Anteil von Sekundärmaterialien oder nachhaltigen erneuerbaren Materialien in neuen Produkten und Gebäuden fest.
  2. Verbesserung der Ökodesign-Vorschriften durch Hinzufügen von Maßnahmen zur Produktlebensdauer, Multifunktionalität, Aufrüstbarkeit und Modularität.
  3. Erhöhen Sie die vorgeschriebenen Mindestgarantiezeiten.
  4. Legen Sie verbindliche Ziele zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen fest.
  5. Festlegung von Zielen zur Reduzierung des Pro-Kopf-Abfallaufkommens, des Pro-Kopf- Materialbedarfs und des ökologischen Fußabdrucks pro Kopf sowie zur Erhöhung der Selbstversorgung mit Rohstoffen.
  6. Überarbeitung der Gemeinsamen Agrarpolitik, um Landwirte auf der Grundlage der von ihnen erbrachten sozialen und ökologischen Leistungen zu subventionieren.
  7. Verpflichtende Angaben zur Produktlebensdauer, insbesondere für elektronische Güter.
  8. Verpflichtende Nachhaltigkeitssiegel (mit sozial-ökologischen Auswirkungen der Produkte) einführen.
  9. Förderung einer gesünderen pflanzlichen Ernährung.
  10. Steuern auf Werbung und Verbote von Werbespots für ökologisch schädliche Güter wie z.B. SUVs.
  11. Einführung von Kohlenstofftarifen für importierte Waren.
  12. Aktualisieren Sie die Verbrauchssteuern (Mehrwertsteuer) auf der Grundlage des sozial-ökologischen Fußabdrucks von Produkten.
  13. Förderung nicht-materieller Bestrebungen und Werte sowie langsamere und geselligere Lebensweisen zur Verbesserung des menschlichen Wohlbefindens bei gleichzeitiger Reduzierung des materiellen Verbrauchs.
  14. Reduzieren Sie die Arbeitszeit auf 30 oder weniger Stunden pro Woche.
  15. Legen Sie Ziele zu sozialen Aspekten der Circular Economy fest (z.B. Schaffung von Arbeitsplätzen, Investitionen in Kooperativen und Sozialunternehmen, die an CE arbeiten, und Prozentsatz des Verbrauchs mit einem anerkannten sozial-ökologischen Zertifizierungsprogramm).
  16. Demokratisierung der Entscheidungsstruktur der EU durch Erhöhung der Transparenz, Verbesserung der Entscheidungsverfahren und Einrichtung einer EU-weiten Bürgerversammlung.
  17. Entwickeln Sie eine Umverteilungspolitik, um sicherzustellen, dass die wirtschaftliche Last des Übergangs zur Kreislaufwirtschaft nicht auf die Schwächsten fällt.
  18. Abschaffung der Finanzparadiese und Einführung EU-weiter Steuern auf Vermögen und Finanztransaktionen.
  19. Verstärkte Finanzierung und Technologietransfer in den Globalen Süden für Projekte zu Klimawandel, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft.

Wie wir sehen, sind die Rufe der „Generation Hoffnung“ bereits enthalten. Zusammengenommen verspricht die Auflistung dieser kritischen Punkte, die auf eine junge Generation ausgerichtet sind, die Nerven zeigt, mehr Taten als Worte fordert und in Entscheidungspositionen einzieht, eine Beschleunigung für die Circular Economy. Und es zeigt noch mehr: Die Stakeholder sitzen alle in einem Boot. Einzelne, die nach dem Warum, dem Wie und dem Was fragen, treiben ganze Bewegungen in der Gesellschaft an, wie z. B. den Vegan- Trend und Fridays for Future. Die Wissenschaft unterstützt durch Forschung und neue Erkenntnisse und bringt alles auf einen Tisch. Damit die Politik steuern und die Wirtschaft transformieren kann.

Noch hungriger auf Informationen? Wir haben unseren neuen Buchartikel veröffentlicht, der sich mit noch mehr philosophischen Fragen und frechen Antworten beschäftigt! Sie können ihn hier erkunden.

Von Charléne Nessel

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