Circularity@Food Loss and Waste Reduction

Der Welternährungsbericht 2019 der Vereinten Nationen macht deutlich, dass es bei „#ZeroHunger“ nicht nur darum geht, den Hunger zu bekämpfen, sondern auch darum, mit angemessener Ernährung den Planeten zu schonen. Der Bericht verdeutlicht, dass ganzheitliche Ansätze erforderlich sind, um Food Loss and Waste (FLW) als Teil der Kreislaufwirtschaft anzugehen.

Überblick: Zirkularität und Nachhaltigkeit

Eine systemische Betrachtung

Zirkularität und Nachhaltigkeit sind Begriffe, die oft zusammen und in gewisser Weise austauschbar verwendet werden, was die Wichtigkeit und den Wert der damit verbundenen Maßnahmen mindert. Um Organisationen klarer zu machen, wie und wo sie Teil des Systems sein können, ist es wichtig zu verstehen, wie sich die beiden Begriffe zueinander verhalten und was sie voneinander unterscheidet.

Entscheidend ist dabei der Übergang von der Vision zur Umsetzung. Die systemische Perspektive ist in der Biosphäre verankert und hat einen dementsprechenden Fokus – die linke Seite des „Schmetterlingsdiagramms“ . Es ist aus den Bereichen Ökologie und Umweltwissenschaften hervorgegangen, die der Nachhaltigkeit eine ganzheitliche, systembasierte Sichtweise verliehen. Es ist primär auf natürliche Systeme ausgerichtet. Hier gibt es zirkuläre Systeme wie den Kohlenstoffkreislauf, den Stickstoffkreislauf, den Wasserkreislauf oder sogar vollständige Ökosysteme. Nahrung, Wasser und andere Stoffe in diesem System zirkulieren jedoch unabhängig davon, was wir als Spezies tun – was zur Verwirrung darüber beiträgt, was als zirkuläres System angesehen werden sollte.

Die systemische Praxis der Zirkularität konzentriert sich auf die Technosphäre – ein menschliches Konstrukt, das die Umwandlung von Rohstoffen für den menschlichen Konsum, über den Verzehr von Nahrung und Wasser als Überlebenssicherung hinaus, unterstützen soll. Die bewusste, zielgerichtete Gestaltung eines Systems trennt Zirkularität von Nachhaltigkeit. Die im Kreislauf zirkulierenden Materialien in der Technosphäre müssen Teil des Designs sein, da an dieser Stelle die bewusste Intervention stattfindet. Zirkularität und Kreislaufwirtschaft befassen sich mit den Schwächen und Lücken der dauerhaften Wiederverwertung von Rohstoffen und Materialien; darüber hinaus definieren sie, wie der Übergang zu einer besseren Bewertung und einem besseren Verständnis aller damit verbundenen Aktivitäten unter dem Dach der Nachhaltigkeit vollzogen werden kann.

Eine Kreislaufwirtschaft strebt einen kontinuierlichen Fluss von technischen und biologischen Materialien und Stoffen durch den sogenannten „Wertekreislauf“ (value circle) an. Dies sichert einen verbesserten Waren- und Dienstleistungsfluss, was zum Wiederaufbau von Kapital beiträgt, sei es finanzieller, künstlicher, menschlicher, sozialer oder natürlicher.

Nach Angaben von Champions 12.3 geht etwa ein Drittel aller weltweit für den menschlichen Verzehr bestimmten Lebensmittel verloren. Dieses Maß an Ineffizienz im globalen Nahrungsmittelsystem hat erhebliche wirtschaftliche, soziale und ökologische Auswirkungen. Es beläuft sich auf wirtschaftliche Verluste von 940 Mrd. USD pro Jahr (FAO 2015). Dies bedeutet, dass jedes Jahr mehr als eine Milliarde Tonnen Lebensmittel nie konsumiert werden, während einer von neun Menschen unterernährt bleibt (WFP 2018). Darüber hinaus sind Lebensmittelverluste und -abfälle für schätzungsweise 8 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn es sich um ein Land handeln würde, wären Lebensmittelverluste und -verschwendung nach China und den USA der drittgrößte Emittent von Treibhausgasen (CAIT 2018; FAO 2015).

Welt Hungertag trifft auf Welt Gastronomie-Tag

Die Vereinten Nationen haben den 16. Oktober jeden Jahres zum Welternährungstag – auch als Welthungertag bekannt – erklärt. 2017 folgte der Tag der nachhaltigen Gastronomie, an dem deutsche Gastronomen sich 2018 zum ersten Mal mit Aktionen beteiligten. 

Das Thema des World Food Day 2019 lautet: Our Actions Are Our Future„. Healthy diets for a „#ZeroHungerWorld“. Frei übersetzt also „Unser Handeln ist unsere Zukunft. Gesunde Ernährung für eine Welt ohne Hunger“. Das Motto bezieht sich auf das zweite der insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (sustainable development goals) der UN-Agenda 2030.

Der Welternährungstag soll darauf aufmerksam machen, dass weltweit noch immer Millionen Menschen an Hunger leiden. Der Bericht 2019 macht deutlich, dass es bei „#ZeroHunger“ nicht nur darum geht, den Hunger zu bekämpfen, sondern auch darum, mit angemessener Ernährung den Planeten zu schonen. Deshalb werden branchenübergreifende Maßnahmen gefordert, um gesunde und nachhaltige Ernährung für jedermann erschwinglich und zugänglich zu machen. Gleichzeitig werden alle dazu aufgerufen, darüber nachzudenken, was wir essen.

UN World Sustainable Gastronomy Day – Nachhaltiger Gastronomie-Tag der Vereinten Nationen. Vor diesem Hintergrund  haben die Vereinten Nationen 2016 den „Nachhaltigen Gastronomie-Tag“  ausgerufen. Am 18. Juni finden dazu weltweit Aktionen statt. Seit 2018 beteiligt sich auch die deutsche Hotellerie und Gastronomie in Zusammenarbeit mit dem deutschen Aktionstag Nachhaltigkeit daran.

Ausgangspunkt sind die Social-Media-Aktionen von Grenntable e.V. Einmal im Jahr werden Gastronomen, Hoteliers und Gäste dazu aufgerufen, im Zeitraum vom 25. Mai bis zum 18. Juni ihre Ideen und Best Pracise Beispiele für ein nachhaltiges Engagement in der Branche unter dem Hashtag #GastroFuture zu posten. Mit ihren Statements, Ideen und Tipps dokumentieren sie ihren ganz persönlichen Einsatz gegen den Klimawandel und die Umweltzerstörung. Auf der Social-Media-Wall von Greentable e.V. werden die Posts zusammengeführt und dokumentiert.

Der Business Case für nachhaltige Ernährung

Schätzungen und Indizes

Quelle: Wageningen Food & Biobased Research

Im Auftrag von Champions 12.3 veröffentlichten die Autoren der Studie Der Business Case zur Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -abfällen eine branchenspezifische Studie für die Hotellerie mit dem Schwerpunkt Hotels. Sie reagierten damit auf eine häufige Anfrage von Wirtschaftsführern, die nicht nur einen Überblick über alle Branchen haben wollten, sondern auch wissen möchten, wie es speziell in ihrer Branche aussieht.

Insgesamt verfügten die Autoren über Daten zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen von 42 Hotelstandorten in 15 Ländern. Basierend auf diesen Daten wurden die Nutzen-Kosten-Verhältnisse, Kostenreduzierungen, Amortisationszeiten und getätigten Investitionen berechnet. Anschließend wurden Interviews mit Managern, einschließlich Managern der Datenanbieter von diesen Hotelstandorten, durchgeführt. Mit Hilfe der Interviews wurden die Maßnahmen ermittelt, die die Standorte ergriffen hatten, um ihre Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Aus dem Datenpool, auf den die Autoren zugreifen konnten, erzielten 95 Prozent der analysierten Websites eine positive Nettofinanzrendite, das heißt, ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von mehr als eins zu eins (1: 1). Das durchschnittliche Nutzen-Kosten-Verhältnis betrug fast 7: 1. Bezogen auf die Kapitalrendite (ROI) entspricht dies einer Kapitalrendite von fast 600 Prozent. Das mittlere Nutzen-Kosten-Verhältnis – bei dem die Hälfte der Standorte ein höheres Verhältnis erzielte, während die Hälfte ein niedrigeres Verhältnis erzielte – betrug nahezu 5: 1. Somit erzielte die Hälfte der Standorte für 1 USD (oder eine andere relevante Währung), die in die Reduzierung von Lebensmittelabfällen investiert wurde, eine Rendite von mindestens 5 USD.

Lösungen und Praktiken zur Vermeidung und Bewältigung von Lebensmittelverlusten und -abfällen

Auf globaler Ebene arbeiten Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger weiterhin an Strategien zur Reduzierung von FLW, die sich auf jeder Stufe des FSC mit Lebensmittelverschwendung befassen. Dabei verfolgen sie einen nachhaltigen Produktions- und Konsumansatz und gegenwärtig auch den Ansatz zur Kreislaufwirtschaft. Die Umsetzung dieser Strategien muss an die jeweilige Region angepasst werden; wobei insbesondere die Berücksichtigung der lokalen Infrastruktur, Energie, Märkte und Bildung, wie zum Beispiel das Wissens auf allen Ebenen vom Lieferanten bis zum Verbraucher (e. g., Majid Shafiee-Jood). 

Lebensmittelsicherheit ist die oberste Priorität bei der Minderung von FLW. Die meisten technologischen Lösungen unterstützen die Verhinderung von Lebensmittelkontamination und Qualitätsminderung. Eingriffe in vorgelagerten Phasen kommen den Endnutzern zugute. In Verbindung mit einer verbesserten Infrastruktur haben diese Maßnahmen technologische Priorität.

Die Reduzierung von FLW auf der Ebene des einzelnen Verbrauchers, würde in Industrieländern die größten Auswirkungen auf die Lieferkette haben. Ein wichtiger Punkt in der Verbraucherinformation ist daher die Verbesserung des Verständnisses von Haltbarkeits- und Verfallsdaten auf den Verpackungen (Ulrich Koester). Dafür müssen Einzelhändlern ihre Etikettierungspraktiken für Lebensmitteldaten ändern. Auch die Konsumenten müssen ihre Praktiken bei der Lagerung von Lebensmitteln zu Hause ändern. Dazu gehören: eine bessere Planung der Einkäufe, bessere Aufbewahrungspraktiken, angemessene Portionsgrößen, verbesserte Lebensmittelzubereitung und die Verwendung von Speiseresten bei der Zubereitung von Mahlzeiten. Einzelhändler, Restaurants und Caterer können FLW reduzieren, indem sie nicht verkaufte Waren und Produkte spenden, angemessene Lebensmittelportionen anbieten, in-Shop Verkaufsförderung verändern oder verlagern, konsequent sichere Lebensmittellagerung umsetzen, etc. p. p. (Lipinski, B., et al).

Obwohl dies ein äußerst wichtiges Thema für Entscheidungsträger ist, gibt es in der FLW-Literatur nur sehr wenige Empfehlungen und Lösungsvorschläge wie zum Beispiel:

  • finanzielle Unterstützung, insbesondere in Entwicklungsländern, zur Verbesserung der Straßen- und Energieinfrastruktur sowie der eingesetzten Maschinen und Geräte;
  • Institutionelle Vorkehrungen und Reformen zur Erleichterung privater Investitionen in die landwirtschaftliche Produktion;
  • Ganzheitlicher Ansatz / Ansatz einer zirkulären Wirtschaft: Fokus auf die Ursachen vin FLW sowie die Folgen, Unterschiede nach Ländern und Regionen gezielt berücksichtigen, Stakeholder und relevante Akteure bewusst einbinden;
  • Kommunikations- und Aufklärungskampagnen zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung;
  • Die Verwendung von Steuern und Subventionen zur Verringerung von Abfällen bei den Verbrauchern. 

Als Fazit kann festgehalten werden, dass ein allgemeiner Konsens darüber besteht, dass die Reduzierung von FLW ein großes Potenzial aufweist für die Verbesserung der Ernährungssicherheit, die Stärkung der Nachhaltigkeit von Lebensmittelsystemen und die Vermeidung wirtschaftlicher Kosten entlang der FSC (Food Supply Chain). Es bestehen allerdings weiterhin erhebliche Wissens- und Forschungslücken über die systemischen Zusammenhänge von FLW. Es sind ganzheitliche Ansätze erforderlich, um FLW als Teil der Kreislaufwirtschaft anzugehen. Das gilt insbesondere in Bezug auf die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen von FLW-Reduktionsstrategien in verschiedenen FSC-Phasen; die wiederum im Zusammenhang mit verschiedenen Regional- und Entwicklungskontexten zu betrachten sind, wie der Berücksichtigung von Infrastruktur, Energie, Märkten und Bildung.

Autor: Dr. Hans Meves

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