Kreislauftauglich ist enkeltauglich

Jahrzehntelanges Wachstum dank einer kontinuierlich zunehmenden Wertschöpfung beschert den Menschen in Europa sowohl Wohlstand als auch Abhängigkeit: Abhängigkeit von Ressourcen, die nahezu erschöpft sind, als auch von einer globalen Wirtschaft, die mit jeder weiterentfernten Wertschöpfungsstufe an Anfälligkeit gewinnt. Wie kann es weitergehen, um unseren Kindern und Enkeln einen lebendigen Planeten zu hinterlassen? Ansätze nachhaltiger Entwürfe reichen von grünem Wachstum bis hin zu Postwachstum. Ihnen ist das Bewusstsein gemeinsam, dass unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten nicht funktioniert. Was kommt nach dem Wachstum?

Dr. Bettina Hoffmann, MdB, Sprecherin für Umweltpolitik und Umweltgesundheit der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, hat ein Konzept: eine ressourcenleichte, giftfreie und klimaneutrale Kreislaufwirtschaft. Rohstoffe im Kreislauf führen statt wachsende Ressourcenverschwendung in Einklag mit wachsenden Deponien. Welche Idee dahinter steckt, beschreibt sie in ihrem im Februar 2020 veröffentlichten Diskussionspapier. Und lädt dazu ein, den Begriff „Diskussionspapier“ ernst zu nehmen. Kommentare und Anregungen sind nicht nur erwünscht, sondern sind unabdingbar, um aus Idee Realität werden zu lassen.

Eine Bemerkung zur Begriffsabgrenzung vorab: Dr. Bettina Hoffmann, MdB benutzt in ihrem Diskussionspapier den Begriff einer Kreislaufwirtschaft. Wir möchten den Begriff hier nicht verwenden, sondern den Begriff Circular Economy einbringen. Denn der Begriff Kreislaufwirtschaft ist historisch behaftet mit der Assoziation von Abfall. Unsere Vision ist eine Welt ohne Abfall, die keine Wegwerfkultur kennt. In dieser Welt behalten Dinge ihren Wert. Alle Materialien können unendlich wiedereingesetzt werden. Dabei schaden sie weder Mensch, noch Natur. Jede wirtschaftliche Tätigkeit erhält einen positiven Nutzen. Auch Dr. Bettina Hoffmann MdB beschreibt in ihrem Papier eine solche Vision. Daher möchten wir in dieser Stellungnahme den Begriff Circular Economy gleichwertig zu dem in ihrem Diskussionspapier verwendeten Begriff einer Kreislaufwirtschaft anwenden.

Warum wir eine Circular Economy brauchen, macht Dr. Bettina Hoffmann MdB in ihrem Papier auf den ersten Seiten deutlich: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, die einem langfristig weder ökologisch, noch ökonomisch, noch sozial zu stabilisierendem Abfallsystem frönt. Ein Abfallsystem, das den ungebremsten Verbrauch von Plastik und weiteren kritischen Stoffen nicht verarbeitet und der Vergiftung von Mensch und Umwelt nicht vorbeugt. Während die negativen Umweltauswirkungen dieses Systems anwachsen, wachsen gleichzeitig Berge von Rohstoffquellen, die in die Wirtschaft zurückgeführt werden könnten. Und das angesichts schwindener Ressourcen. Das ergibt direkt zwei und noch mehr Gründe, sich die Circular Economy genauer anzuschauen.

Doch obwohl die EU diese Quelle ökologischer, ökonomischer und sozialer Stabilität erkannt hat, stagniert die Entwicklung der Circular Economy. Und während die EU noch mit dem Kompass in der Hand den Kreislauf versucht zu identifizieren, schaut Deutschland der EU mit mangelnder Begeisterung über die Schulter.

Um Abhilfe zu leisten, formuliert Dr. Bettina Hoffmann MdB fünf Handlungsfelder:

  1. Produktdesign als Ausgangspunkt für Abfallvermeidung und Circular Economy
  2. Produkte als Rohstofflager begreifen
  3. Den Materialmix der Zukunft definieren
  4. Erzeugung und Nachfrage von hochwertigen Rezyklaten fördern
  5. Ein Deutsches Institut für Circular Economy aufbauen

Worin liegt der Mehrwert in einem anderen Produktdesign? Niko Paech, deutscher Volkswirt und Professor im Bereich der Pluralen Ökonomik an der Universität Siegen mit Forschungsschwerpunkten im Bereich der Umweltökonomie, der Ökologischen Ökonomie und der Nachhaltigkeitsforschung, sagte einmal, entweder eine Transformation unseres Wirtschaftssystems gelänge „by design“ oder „by desaster“[1]. Dann doch lieber das Design. Denn wenn wir das Produktdesign so gestalten, dass Produkte beispielsweise einfacher auseinanderzubauen sind, können diese einfach instandgehalten, repariert oder auch re- und upgecycelt werden. Die Haltbarkeit und damit die Nutzungsdauer von Produkten könnte verlängert und Stoffe dem Kreislauf besser zurückgeführt werden. Dr. Bettina Hoffmann MdB verdeutlich den Handlungsbedarf am Smartphone: Statt sich nach zwei Jahren über ein kaputtes Handy zu ärgern, kommen Konsumenten in den glücklichen Genuss eines reparablen oder ggf. sogar gemieteten Handys, denn auch nutzen statt besitzen kann hier eine Devise sein. Und wenn die Nutzer ihr Smartphone am Ende beim Hersteller entsorgen, kann dieser sich über eine geschäftskritische Rohstoffquelle freuen. Was es dazu benötigt? Eine Einigung!

„Für eine erfolgreiche [Circular Economy] brauchen wir eine intensivere gesellschaftliche Diskussion zu der Frage, welche Chemikalien und Materialen wir künftig in unseren Produkten verwenden sollten.“, schreibt Dr. Bettina Hoffmann MdB. Und sie hat recht. Denn während einige Stoffe wie z.B. Glas oder Stahl sich gerne recyceln lassen und daher bereits heute in der Nachhaltigkeitsszene stark gefragt werden, ist Plastik in seiner Rezyklierbarkeit von Stoff zu Stoff unterschiedlich. Zumal Einwegplastik gar nicht erst in den technischen Kreislauf zurückfindet, sondern lediglich im Nahrungsmittelkreislauf wieder als Mikroplastik auf unseren Tellern landet, wenn wir zum Beispiel Fisch essen.

Um solche Bilder künftig zu vermeiden, gilt es, hochwertige Rezyklate zu fördern. Und zu fordern, denn auch der Verbraucher ist hier gefragt. Während Hersteller politisch und auch wirtschaftlich in die Verantwortung genommen werden müssen, müssen Verbraucher sich der Eigenverantwortung stellen. Denn jeder Kauf sendet ein Signal. Dabei ist es Aufgabe von vielen, es dem Verbraucher zu ermöglichen sich eigenverantwortlich zu zeigen, indem zum Beispiel die notwendigen Alternativen verfügbar sind.

Solche Alternativen zu entwickeln, könnte eine Aufgabe des Deutschen Instituts für Circular Economy sein, das Dr. Bettina Hoffmann MdB als letztes Handlungsfeld beschreibt. Ein Intermediär, der nicht nur naturwissenschaftliche Belange klärt, sondern auch zusammenhängende Fragen zur Transformation der Wirtschaftskreisläufe, den gesellschaftlich-politischen Umsetzungsbedingungen sowie sozialen Innovationspotentialen diskutiert.

Als Think Tank für Circular Economy ist Thinking Circular nicht nur der Ansicht, dass Dr. Bettina Hoffmann, MdB mit ihrem Paper ein bewegendes Thema anspricht, sondern dass sie mit ihrem Paper auch die richtigen Handlungsfelder benennt. Verbunden mit dieser Freude ist die Dankbarkeit, dass jemand im deutschen Bundestag aus dem Trödel- in den Bewegungsmodus gekommen ist. Und die anderen hoffentlich mitzieht.

Quellen:

[1] Paech, Niko (2016): Befreiung vom Überfluss : auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Seite 143.9. Aufl. München: oekom Verlag.

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